Peterbecker2 Peter Becker
VERBAND DER DEUTSCHEN LACK- UND DRUCKFARBENINDUSTRIE (VDL)
Präsident

»In der Zusammenarbeit mit der Forschung haben viele Unternehmen unserer Branche nicht nur neuartige Produkte gewonnen sondern auch deren Sicherheit für Umwelt und Gesundheit auf den Prüfstand gestellt«

»Die Nanotechnologie ist ein Antreiber der Lackentwicklung. Die Fahrt durch die Waschanlage - ein Alptraum für jeden stolzen Autobesitzer. Schon lange nicht mehr. Heute ist die Außenlackierung der Autos deutlich kratzfester als früher, denn Autolacke sind so genannte "Smart Coatings", intelligente Lacke. Diese High-Tech-Produkte haben sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt.

Die Industrie hat in enger Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten beispielsweise selbstreinigende Lacke, aber auch leitfähige und temperaturregulierende Lacke und Farben entwickelt. Es gibt neue Lacke mit Chamäleoneffekt: In Abhängigkeit von der Temperatur ändert sich die Farbe und damit das Reflexionsverhalten der Pigmente. Bis vor 20 Jahren waren Korrosionsschäden an Autos noch ausschlaggebend für deren Wertverlust. Heute gibt es praktisch keine Rostlauben mehr. Dazu haben vor allem die Tauchgrundierungen, aber auch die Klarlacke beigetragen. Klarlacke schützen die die darunter liegenden Schichten wie eine Sonnenbrille vor der Einwirkung der UV-Strahlung und des Wetters.

Einer der Schlüssel zu diesen Erfolgen liegt in der Nanotechnologie. In den vergangenen Jahren hat sie entschieden dazu beigetragen, die nur 0.1 Millimeter dicke Schutzhülle der Karosserie weiter zu verbessern. Beim Autolack bilden die Nanoteilchen mit dem Lackbindemittel eine zähharte Netzstruktur. Dank dieses Netzes soll der Lack auch nach 100 Fahrten durch die Waschstraße noch 72 Prozent seines alten Glanzes besitzen. Im Gegensatz dazu hätte ein herkömmlicher Lack bei der gleichen Belastung nur nach 35 Prozent seiner Brillanz.

Immer wieder wird in der Öffentlichkeit die Frage aufgeworfen, ob von solchen Lacken, die Nanoteilchen enthalten, eine Gefahr für die Umwelt oder die Gesundheit der Menschen ausgehen könnte. Neben den vielen Untersuchungen, die von staatlichen Stellen oder von der Rohstoffindustrie zu diesem Thema durchgeführt werden, hat auch der Lackverband mit einer speziellen Studie einen Beitrag geleistet.

An der Technischen Universität Dresden wurde untersucht, ob Nanoteilchen im alltäglichen Gebrauch aus einem Lackfilm freigesetzt werden können. Die Untersuchungen waren außerordentlich aufwendig, weil es sich als schwierig erwies, die Nanoteilchen sicher aufzufinden und nachzuweisen. Trotzdem ist es den Forschern gelungen, ein entsprechendes Verfahren zu entwickeln. Bei der Anwendung dieses neuen Verfahrens auf die Nanolacke wurde ermittelt, dass im alltäglichen Gebrauch aus einem Lackfilm praktisch keine Nanoteilchen freigesetzt werden. In der nächsten Phase haben die Forscher untersucht, was geschieht, wenn ein Lackfilm einer härteren Beanspruchung unterzogen wird, nämlich wenn mit Schleifgeräten gearbeitet wird. Ergebnisse zeigen, dass auch hier keine Unterschiede zu herkömmlichen Lacken und Nanolacken hinsichtlich der Freisetzung von Nanopartikeln bestehen.

Es gibt allerdings noch andere Mittel und Wege, die Kratzfestigkeit von Klarlacken zu verbessern. Die Nanotechnologie ist auch hier im Spiel: In Forschung und Entwicklung wird derzeit intensiv an nanostrukturierten Bindemitteln gearbeitet. Deren exzellente Eigenschaften können für Klarlack und Basislack genutzt werden. Das ehemalige Forschungsinstitut für Pigmente und Lacke - heute Forschungsgesellschaft für Pigmente und Lacke im Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung - beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Kratzfestigkeit. Dazu zählen Untersuchungen der molekularen Aspekte der Kratzfestigkeit und ebenso Untersuchungen, die den Verkratzungsvorgang verständlicher machen sollen. Mit dem Nano-Scratch-Tester etwa kann ein einzelner Kratzer erzeugt und vermessen werden. Der Vergleich der Ergebnisse der Kratztests mit den physikalisch-chemischen Eigenschaften der Beschichtungen gibt Anstöße für verbesserte Lacke und bietet dem Lack- und Rohstoffhersteller die Möglichkeit, seine Produkte gezielt weiter zu entwickeln.

Die Lackentwicklung bleibt spannend und es gibt auch in der Zukunft keinen Stillstand. Dabei geht es einerseits um neue Funktionen für die Lackierung und andererseits darum, den gesamten Lackierprozess künftig noch schneller und kostengünstiger ablaufen zu lassen.«

Vor seiner Präsidentschaft war Peter Becker Vorstandsmitglied des VdL und leitete die Neuorganisation des Verbandes. Der Karlsruher Unternehmer setzt sich dafür ein, systematisch neue internationale Märkte für die Branche zu erschließen.

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